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Hall of Fame

Thea Eymèsz

Peer Raben war es, der die junge Editorin Thea Eymèsz eher zufällig mit einem der ersten Filme Rainer Werner Fassbinders zusammenbrachte. Thea Eymèsz, die Anfang der 60er Jahre als gelernte Fotolaborantin im Trickstudio der Bavaria bei Theodor Nischwitz – heute nicht zuletzt bekannt durch seine unvergessenen Effekte für die TV-Serie Raumpatrouille Orion – begonnen hatte, war seit 1964 als freiberufliche Editorin tätig. Sie war nie Assistentin gewesen, hatte das Schnitthandwerk über die Praxis erlernt und durch die Montage zahlloser Industriefilme und kleinerer Dokumentationen ihre künstlerische Intuition erworben.

Mit Götter der Pest traf sie 1968 dank erwähnten Zufalls auf das Werk eines jungen Filmemachers, das sie für die kommenden fast zehn Jahre mitgestalten sollte. Der Komponist Peer Raben saß eines Tages in einem Münchner Tonstudio an der Synchronisation von Götter der Pest und hatte sich buchstäblich in den Schleifen des Films verfranst. Er klopfte im Studio nebenan, wo Thea Eymèsz an der Synchro eines Films saß, und bat um Hilfe. Eymèsz setzte den Film zusammen, der Rest ist Geschichte: Als eine von Fassbinders Konstanten begleitete sie seine Entwicklung von da an mit Filmen von Warnung einer heiligen Nutte (1971) über Angst essen Seele auf und Effi Briest (1974) bis zu Satansbraten (1976), eines von Fassbinders künstlerischen Höhepunkten. Fassbinder hatte der dramaturgischen Entwicklung seiner Drehbücher nie übermäßig viel Zeit gewidmet, doch in Thea Eymèsz hatte er seine zweite erzählerische Instanz gefunden. Sie war Komplizin seiner schwelenden Kreativität und gleichsam Korrektiv seines atemlosen Schaffens. Zu Götter der Pest sagte Fassbinder einmal im Scherz: »Ursprünglich war der Film anders gedacht, aber als sie die Schleifen zusammengesetzt hat, brachte sie das Material einfach in eine andere Reihenfolge!«

Während dieser Zeit, als sie einen Film Fassbinders montierte, während er bereits den nächsten drehte, entwickelte Thea Eymèsz ihre auch später beibehaltene Arbeitsmethodik, zunächst alleine einen Rohschnitt anzufertigen und erst diesen dann mit dem jeweiligen Regisseur anzuschauen. Auch die weiteren wesentlichen Schaffenshöhepunkte ihres Werks, vor allem die 15 Filme umfassende Zusammenarbeit mit dem Dokumentarfilmer Erwin Leiser, entstanden dank dieser Herangehensweise. Filme mit historischem Hintergrund wie Hiroshima – Erinnern und Verdrängen oder Die UFA – Mythos und Wirklichkeit brillieren nicht zuletzt dank ihrer Quellenvielfalt und damit einer Materialfülle, der Eymèsz überwiegend alleine Herr werden musste. Ähnliches gilt für die zahlreichen Künstlerporträts Erwin Leisers wie James Rosenquist oder Das hungrige Auge – Avigdor Arikha.

So wie Fassbinder in Genres und Stilen, Atmosphären und Sujets wechselte, so bewahrte sich auch Thea Eymèsz stets eine breite Vielseitigkeit in ihrem Arbeitsfeld. Das gleichberechtigte Nebeneinander von Kinofilm, Serie, TV-Film, Kurzfilm oder Dokumentation zeichnet ihr weit über 200 Titel fassendes Œuvre nachdrücklich aus. Für jedes Projekt, sagt sie selbst, habe sie immer ihr Bestes gegeben. Schließlich verlangt auch eine Fernsehserie, wie sie Eymèsz etwa mit Helmut Dietl (Der ganz normale Wahnsinn) oder Hans-Christian Müller (Fast wie im richtigen Leben) gemacht hat, letztlich dasselbe Maß an handwerklicher Perfektion, künstlerischer Entscheidungskraft und kreativer Intuition wie ein Spielfilm.
Auswahlfilmografie
1960-1962 Trickabteilung Bavaria-Film.
1962-1967 Dokus, Synchron, Werbung.
1965 Der nächste Herr, dieselbe Dame. Akos von Ratony.
1968 Götter der Pest. Rainer Werner Fassbinder.
1970 Der amerikanische Soldat. Rainer Werner Fassbinder.
1970 Die Niklashauser Fart (TV). Rainer Werner Fassbinder, Michael Fengler.
1970 Wer weint denn schon im Freudenhaus?. Rudolf Lubowski.
1971 Rio das Mortes. Rainer Werner Fassbinder.
1971 Pioniere in Ingolstadt. Rainer Werner Fassbinder.
1971 Whity. Rainer Werner Fassbinder.
1971 Warnung vor einer heiligen Nutte. Rainer Werner Fassbinder.
1972 Der Händler der vier Jahreszeiten. Rainer Werner Fassbinder.
1972 Die bitteren Tränen der Petra von Kant. Rainer Werner Fassbinder.
1973 Wildwechsel (TV). Rainer Werner Fassbinder.
1973 Zärtlichkeit der Wölfe. Ulli Lommel.
1974 Angst essen Seele auf. Rainer Werner Fassbinder.
1974 Effi Briest. Rainer Werner Fassbinder.
1974 Wandas Paradies. Christa Maar.
1975 Faustrecht der Freiheit. Rainer Werner Fassbinder.
1975 Mutter Küsters Fahrt zum Himmel. Rainer Werner Fassbinder.
1976 Satansbraten. Rainer Werner Fassbinder.
1977 Halbzeit (TV-Serie). Dieter Wedel.
1978 Der ganz normale Wahnsinn (TV-Serie). Helmut Dietl. 5 Folgen.
1979 Kreutzer. Klaus Emmerich.
1979 Der Durchdreher. Helmut Dietl.
1979 Fast wie im richtigen Leben (TV-Serie). Hans-Christian Müller.
1980 Hans Hartung. R. Kallenbach.
1980 Nick Knatterton (Zeichentrickserie). Manfred Schmid.
1981 Der Aufsteiger. Bernd Fischerauer.
1982 32 Klaviersonaten von L.v. Beethoven – Solist: Daniel Barenboim. Jean Pierre Pouelle.
1982 Der Aufbau Brasiliens (Doku). Horst Siebecke.
1982 Cesar – Der Maler und Bildhauer (Doku). R. Kallenbach.
1982 Dresdner Bank – Der Aufbau (Doku). Uwe Krauss.
1983 Die Unbekannten im eigenen Haus (TV). Bernd Fischerauer.
1983 Kehraus. Hans-Christian Müller.
1984 Lettow Vorbeck – Der deutsch-ostafrikanische Imperativ. Christian Doermer.
1985 Hiroshima – Erinnern und verdrängen. (Doku). Erwin Leiser.
1985 Kontakte: Kinder – Kinder (TV). Katrin Seybold.
1985 Kontakte: Unfall (TV). Katrin Seybold.
1985 8 Mozart Klavierkonzerte, Solist: Daniel Barenboim (TV). Jean Pierre Pouelle.
1986 Schafkopfrennen (TV-5Teiler). Bernd Fischerauer.
1986 James Rosenquist (Doku). Erwin Leiser.
1986 Die letzte Vernunft – Friedrich II. (Doku). Katrin Seybold.
1986 Boteros Corrida (Doku). Erwin Leiser.
1987 Derrick (TV). Helmuth Ashley.
1987 Kontakte: Das falsche Wort (TV). Katrin Seybold.
1987 Welt im Container – Hans Falk (Doku). Erwin Leiser.
1987 Hitlers Sonderauftrag Linz (Doku). Erwin Leiser.
1988 Das Arrangement (TV). Michael Mackenroth.
1989 Schuldig (TV). Michael Mackenroth.
1990 Das hungrige Auge – Avigdor Arikha (Doku). Erwin Leiser.
1990 Eurocops (TV). Michael Mackenroth.
1990 Blank, Meier, Jensen (TV-Serie). Michael Mackenroth.
1991 Hurenglück (TV). Detlef Rönfeldt.
1993 Die UFA – Mythos und Wirklichkeit (Doku). Erwin Leiser.
1993 Maus und Katz (TV). Hajo Gies.
1993 Flucht ins Paradies (TV). Thomas Nikel.
1994 Solo für Sudmann (TV-Serie, 3 Folgen). Thomas Nikel.
1995 Lichterspiele (TV). Thomas Nikel).
1995 Otto John – Eine deutsche Geschichte (Doku). Erwin Leiser.
1996 Lichterspiele (TV). Thomas Nikel.
1998 Der Triebweg (Doku). Jörg Schmidt-Reitwein.
2003 Angst ißt Seele auf (Kurz). Shahbaz Noshir.
Film+ ist eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Filmstiftung NRW und der Stadt Köln,
unterstützt von der Stiftung Kulturwerk der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst